Dynamische Netzentgelte rücken als Instrument zur Netzsteuerung in den Fokus
Dynamische Netzentgelte könnten sich zu einem zentralen Instrument für die Weiterentwicklung der Stromnetze entwickeln. Das Innovationsprojekt „Grids & Benefits“ hat untersucht, wie zeit- und netzzustandsabhängige Netzentgelte in der Praxis wirken. Ziel war es, Flexibilität bei Verbrauchern zu aktivieren, Lastspitzen zu reduzieren und die Netze effizienter zu nutzen.
Im Unterschied zu klassischen Netzentgelten reagieren dynamische Modelle auf reale Belastungssituationen im Netz. Sie setzen Preissignale dort, wo Kapazitäten knapp sind, und schaffen Anreize, Verbrauch in weniger kritische Zeitfenster zu verlagern. Damit werden Netzentgelte erstmals als aktives Steuerungsinstrument eingesetzt.
Neue Anforderungen durch Energiewende
Der Umbau des Energiesystems verändert die Anforderungen an die Stromnetze grundlegend. Der steigende Anteil erneuerbarer Energien, insbesondere aus Photovoltaik, führt zu stärker schwankender Einspeisung. Gleichzeitig wächst der Strombedarf durch Elektromobilität und Wärmepumpen, was neue Lastspitzen verursachen kann.
Bislang bleiben Netzentgelte in Deutschland jedoch weitgehend statisch und unabhängig vom tatsächlichen Netzzustand. Das Projekt „Grids & Benefits“ setzt hier an und prüft, ob dynamische Netzentgelte helfen können, Netzauslastung besser zu steuern und Flexibilität marktbasiert zu nutzen.
Elektromobilität als zentrales Testfeld
Im Mittelpunkt der Pilotphase stand die Elektromobilität. Ladevorgänge lassen sich zeitlich verschieben und bieten daher ein hohes Flexibilitätspotenzial. Öffentliche Ladepunkte und private Haushalte erhielten viertelstundenscharfe Netzentgelte, die im Voraus veröffentlicht wurden.
Intelligente Ladelösungen nutzten diese Informationen automatisiert und verlagerten Ladevorgänge gezielt in Zeiten niedriger Netzbelastung. Damit konnte gezeigt werden, dass dynamische Netzentgelte auch im Alltag umsetzbar sind.
Messbare Effekte und hohe Akzeptanz
Die Analyse der Pilotphase belegt klare Effekte auf die Netzauslastung. Teilnehmer verlagerten ihren Stromverbrauch gezielt, wodurch Lastspitzen spürbar zurückgingen und sich die Belastung im Netz gleichmäßiger verteilte. Gleichzeitig profitierten die beteiligten Verbraucher von sinkenden Kosten, was die Akzeptanz der dynamischen Netzentgelte deutlich erhöhte.
„Dynamische Netzentgelte machen Netzengpässe transparent und setzen klare wirtschaftliche Anreize, Flexibilität dort bereitzustellen, wo sie systemisch gebraucht wird“, sagt Johanna Bronisch, Projektverantwortliche bei UnternehmerTUM.
Die Aussage unterstreicht den zentralen Mehrwert des Ansatzes. Verbraucher erhalten erstmals nachvollziehbare Signale darüber, wann ihr Stromverbrauch aus Netzsicht sinnvoll ist. Dadurch können sie aktiv zur Stabilisierung des Stromsystems beitragen, ohne auf Komfort verzichten zu müssen.
Technische und regulatorische Hürden bremsen den breiten Einsatz dynamischer Netzentgelte
Trotz der positiven Ergebnisse identifiziert die Studie klare Herausforderungen für einen flächendeckenden Einsatz dynamischer Netzentgelte. Technisch erfordert der Ansatz leistungsfähige IT-Systeme, präzise Lastprognosen sowie standardisierte Schnittstellen, über die alle Marktakteure zuverlässig miteinander kommunizieren können.
Noch größer fällt der Anpassungsbedarf auf regulatorischer Ebene aus. Das bestehende Netzentgeltregime in Deutschland orientiert sich stark an statischen Modellen und berücksichtigt zeitabhängige Preissignale bislang kaum. Die Studie fordert daher einen klaren und verlässlichen Rechtsrahmen, der Innovation ermöglicht und zugleich soziale Ausgewogenheit sicherstellt.
Darüber hinaus betont die Analyse die Bedeutung klarer und verständlicher Tarifmodelle. Dynamische Netzentgelte können ihr Potenzial nur entfalten, wenn Verbraucher die Preissignale nachvollziehen und ihr Verhalten darauf ausrichten können. Transparenz, Planbarkeit und einfache Anwendung gelten daher als zentrale Voraussetzungen für eine breite Akzeptanz.
Perspektiven für ein flexibleres und kosteneffizientes Stromsystem
Dynamische Netzentgelte eröffnen langfristig die Möglichkeit, Stromnetze deutlich effizienter zu nutzen und Systemkosten zu reduzieren. Anstatt den steigenden Flexibilitätsbedarf ausschließlich mit neuen Leitungen zu beantworten, können Netzbetreiber vorhandene Spielräume gezielt aktivieren und Lasten besser steuern.
Die Erfahrungen aus dem Projekt „Grids & Benefits“ zeigen, dass sich Flexibilität dort erschließen lässt, wo sie technisch bereits vorhanden ist. Durch passende Preissignale reagieren Verbraucher auf Netzsituationen und tragen dazu bei, Erzeugung und Verbrauch besser aufeinander abzustimmen. Das entlastet Netze und erhöht gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit des Gesamtsystems.
Perspektivisch könnten dynamische Netzentgelte damit zu einem verbindenden Element zwischen Energiewende, Versorgungssicherheit und Kosteneffizienz werden. Sie schaffen die Voraussetzungen für ein Stromsystem, das nicht nur leistungsfähig, sondern auch anpassungsfähig ist und mit dem weiteren Ausbau erneuerbarer Energien Schritt halten kann.
